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Joseph Stiglitz: Arm und Reich

Dec 21, 2015
Rezension: Joseph Stiglitz, Reich und Arm – Die wachsende Ungleichheit der Gesellschaft

Siedler Verlag, 1. Auflage September 2015, Preis 24,29 € ISBN 978-3-8275-0068-7
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Arm durch Reich: Sammelband gegen das Elend der wachsenden Arm-Reich-Spaltung im entfesselten Kapitalismus

Durch sein umfangreiches, kritisches Werk zählt Joseph Stiglitz zu den wenigen weltweit bekannten und geachteten Persönlichkeiten der heutigen Wirtschaftswissenschaft. 2002 ist er zusammen mit George Ackerlof und Michael Spence mit dem durch die Reichsbank Schweden gestifteten Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft ausgezeichnet worden. Laudiert wurde seine Forschung zum Marktversagen durch asymmetrische Informationen etwa zwischen dem über die Risiken von Finanzmarktprodukten informierten Bankberater und dem ahnungslosen Käufer. Zu seinen großen Themen gehört die Globalisierung, deren Risiken er beschreibt und dazu Gestaltungsoptionen vorschlägt.

Zur global wirkenden Finanzmarktkrise erkundet er frühzeitig die Ursachen einer grenzenlosen Profitgier durch die Deregulierung der Märkte, aber auch die staatlichen Rettungsprogramme, die er als praktizierten „Sozialismus für die Reichen“ geißelt.

Wie auch sein jüngstes Buch zur Kritik der Freihandelstheorien, mit denen die „transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft“ zu rechtfertigen versucht wird, für Joseph Stiglitz dominieren die vielen Publikationen das erkenntnisleitende Interesse, die Ursachen und Folgen der sozialen Spaltung zwischen Arm und Reich aufzudecken und praktikable Vorschläge zum „Wohlstand für alle“ zu unterbreiten. Der Start seines wissenschaftlichen und politischen Engagements für das übergreifende Thema gegen Armut und für weniger Reichtum lässt sich datieren. Er kritisiert von Anfang Präsident G.W. Bush mit seiner Politik, vor allem der Reichtumspflege durch Steuerentlastungen sowie der Deregulierungen, die die monopolistische Marktmacht erhöhen. Den Rat seiner Frau, gegen die soziale Spaltung zu arbeiten, setzt er durch eine bisher kaum sortierte Flut von Beiträgen nicht nur in den wirtschaftswissenschaftlich schwer zugänglichen Journalen, sondern auch in populären Medien um.

Joseph Stiglitz übernimmt selbst die Aufgabe, seine wichtigsten Beiträge zur „wachsenden Ungleicheit“ in seinem neuen Buch „Reich und Arm“ zugänglich zu machen. Dabei täuscht der erste Eindruck vom schlichten Sammelband. Zum einen werden die Beiträge unter Kapitalüberschriften hilfreich systematisiert. Vom ersten Kapitel „Erste Risse“ über Kapitel zu den Dimensionen, Ursachen und den Folgen der Ungleichheit bis zur Spaltung forcierenden Politik und ideologischen Rechtfertigungen erstreckt sich seine Ungleichheits-Analyse. Stiglitz wertet die Lektüre der Beiträge. Durch zeitnahe Einführungen zu den jeweiligen Kapiteln aktualisiert Stiglitz die bereits publizierten Beiträge. Das gibt ihm die Möglichkeit, die Rezeption einzelner Artikel aufzugreifen und rückblickend Selbstkritik zu üben. Neue Diskussionen, wie sie etwas Thomas Piketty mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ausgelöst hat, sind in den Sammelband aufgenommen worden.

Mit der Analyse der Schwerpunkte Dimensionen, Ursachen, ökonomische Folgen der zunehmenden Ungleichheit und die Rolle der die Markt- und Machtverhältnisse stabilisierenden Politik verbindet sich die Frage: Sind langfristig wettbewerbliche Marktwirtschaften aus eigener Kraft in der Lage, soziale Spaltung zu stoppen, ja abzubauen? Zur Kontroverse über den längerfristigen Trend der Entwicklung sozialer Ungleichheit korrigiert Stiglitz das Ergebnis seiner Dissertation aus dem Jahr 1966. Sein damals präsentierter Entwicklungspfad ging davon aus, dass zwar mit dem Wirtschaftswachstum die Ungleichheit zunähme, diese sich jedoch dann auf einem Gleichgewichtsniveau stabilisiere. Rückblickend muss er eingestehen, die Dynamik der „zentrifugalen Kräfte“ zur Vermehrung des Reichtums unterschätzt zu haben. Das politisch-ökonomische System basiert auf der „Reproduktion der Reichen auf erweiterter Stufenleiter“, vor allem über Erbschaften. Bei der Revision seines früheren Gleichgewichtsoptimismus wird Stiglitz durch Thomas Piketty beeinflusst. Allerdings nicht einfach nachvollziehbar, interpretiert Stiglitz das von Piketty aufgestellte säkulare Gesetz vom schnelleren Wachstum der Vermögenseinkünfte gegenüber dem Wirtschaftswachstum kritisch.

In mehreren Beiträgen dieses Sammelbands werden die Ursachen der sozialen Spaltung durch wachsende Armut, aber auch der Abstieg der Mittelschicht erläutert: Massenarbeitslosigkeit, Lohndumping und die Politik zur Pflege des Reichtums durch vergleichsweise niedrige Besteuerung sowie auch die Sozialisierung der Verluste etwa bei der Rettung der Finanzmärkte. Die Triebkraft der Vermögenskonzentration beschreibt er mit der Theorie vom „Rent Seeking“, die auf Gordon Tullock (1967) zurückgeht. Zur Gier nach Aneignung leistungslosen Einkommens stellt er fest: „Wenn kleine Gruppen von Menschen einen unverhältnismäßig hohen Wohlstand genießen wollen, werden sie ihre Macht einsetzen, um sich eine Sonderbehandlung durch den Staat zu sichern.“

Mit der ideologischen Rechtfertigung des Reichtums als Voraussetzung für Innovation, wirtschaftliches Wachstum und Arbeitsplätze geht Stiglitz hart ins Gericht. Reichtum ist niemals die Voraussetzung für den massenhaften Aufstieg aus der Armut. Für dieses plutokratische „1 Prozent durch das 1 Prozent und für das 1 Prozent“ gibt es keine ökonomische, gesellschaftliche Rechtfertigung. Kritisiert wird das „Rossäpfel-Theorem“, das schon Kenneth Galbraith in seiner Kritik der Reichtumskonzentration aufgegriffen hatte: Wenn die Rösser mit bestem Hafer gefüttert würden, profitierten am Ende auch die Spatzen. Empirische Studien zeigen eindeutig, wie nicht nur wegen der fehlenden Binnennachfrage wachsende Armut gegenüber den Reichsten und vor allem der Absturz der Mittelschicht ökonomisches Wachstum verhindert. Unlängst hat eine OECD-Studie den Preis der Ungleichheit durch wirtschaftliche Wachstumsverluste ausgewiesen. Durch die Reich-Arm -Spaltung werden vielmehr Innovationen behindert sowie Finanzkrisen bei der aggressiven Suche nach profitablen Finanzanlagen verstärkt. Wie innovationsfeindlich diese soziale Spaltung ist, zeigt Stiglitz an den von der Höhe des Einkommens und Vermögens abhängigen Bildungschancen. Die bildungsbezogene Diskriminierung der sozial Schwachen schwächt die ökonomische Entwicklung und bedroht die politisch-demokratische Stabilität.

Stiglitz ist der politische Ökonom, der auch das Elend seiner akademischen Zunft nicht von der Kritik ausschließt. Die vorherrschende „Mainstream Economics“ bagatellisiert die gesellschaftliche Herausforderung durch die Arm-Reich-Spaltung. So zitiert Stiglitz den Nobelpreisträger Robert Lucas von der University of Chicago mit der noch heute an den Akademien verbreiteten Ideologie: „Der verlockendste und … verderblichste aller Ansätze, die einer soliden wirtschaftswissenschaftlichen Forschung schaden, besteht darin, sich auf Verteilungsfragen zu konzentrieren“.

Dieser Sammelband über viele Jahre verfasster Texte mit einer hoch aktuellen Einordnung verdient große Anerkennung. Sein erkenntnisleitendes Interesse an der Aufklärung über die sich verbreitende soziale Spaltung der Gesellschaft im entfesselten Kapitalismus löst er gekonnt ein. Gezeigt wird, wie Politik durch die Deregulierung der Märkte eine hochmonopolisierte Markt-Macht-Ökonomie mit wachsenden sozialen Risiken forciert. Sicherlich konzentrieren sich die meisten Beiträge in diesem Sammelband auf die USA. Immerhin werden im Kapitel “regionale Perspektiven“ spezifische Länderentwicklungen - was können wir von Singapur lernen, Japan als Vorbild, Chinas Reform des Gleichgewichts zwischen Staat und Markt sowie die spanische Depression - präsentiert. Wenn auch ein expliziter Beitrag zur Entwicklung in Deutschland in dem Sammelband nicht zu finden ist, die Erkenntnisse zu den Ursachen und Folgen sozialer Spaltung sowie eine sich dagegen richtende Reformpolitik sind für dieses Land dramatisch aktuell. Der für einen Ökonomen gut lesbare Sammelband lässt sich schrittweise, dosiert nach einzelnen Beiträgen, erschließen. Die Lektüre lohnt sich für diejenigen, die die wachsende Ungleichheit auch durch den Absturz der Mittelschicht als gesellschaftliche Bedrohung und ökonomische Belastung empfinden, jedoch die Zusammenhänge (noch) nicht erfassen können. Für Studierende, Lehrende und Forschende der Wirtschaftswissenschaft, Politiker und auch Journalisten sollte der Sammelband Pflichtlektüre sein.

Last modified: Dec 21, 2015